Usagi Yojimbo

 

Wiederkehrende Charaktere,

frei von Spoilern, in der Reihenfolge ihres ersten Erscheinens

 

von Jens R. Nielsen

 

Band 01: „Der Ronin“

 

Miyamoto Usagi

 

„Usagi“ bedeutet „Hase“. Oder auch „Häschen“. Oder „Kaninchen“. Der Länge seiner Ohren nach zu urteilen, ist Usagi eindeutig ein Hase. Auf jeden Fall ist er ein Rammler. Und er ist ein Ronin – also ein Samurai, der keinem Herrn dient (was, da ein „Samurai“ im Deutschen ein „Dienender“ ist, auf Usagis prekären Status verweist). Usagi befindet sich auf einer Kriegerwallfahrt, einer musha shugyō, zur Vervollkommnung seiner Talente. Das macht ihn zu einem shugyōsha.

 

Usagi ist nicht irgendein Hase, sondern ein weißer Hase. Ja, es gibt in Japan weiße Hasen. Die Art lachus brachyurus trägt, im Norden Honshūs, in der kalten Jahreszeit ein weißes Fell. Viel wichtiger aber ist, dass auch im japanischen Märchen hilfsbereite weiße Hasen vorkommen.

 

Der Namensbestandteil „Miyamoto“ verweist auf Usagis großes „Rollenmodell“, den Ronin-Philosophen Miyamoto Musashi (1584-1645), der in 61 Duellen siegreich geblieben ist. Im Westen ist Musashi nicht erst bekannt, seit Manga wie der von Takehiko Inoue (*1967) gezeichnete Vagabond zugänglich sind, in denen die Lebensgeschichte des Meisterschwertkämpfers und ersten shugyōsha nacherzählt und ausgeschmückt wird, sondern vor allem wegen der Samurai-Filmtrilogie (Toho, 1954/55) von Regisseur Hiroshi Inagaki (1905-1980), die Stan Sakai immer wieder als Referenz für Usagi benannt hat. In der mit einem Löwen in Venedig und einem Oscar ausgezeichneten Inagaki-Trilogie spielt den Musashi Japans bekanntester Heldendarsteller Toshirō Mifune (1920-1997).

 

Fürst Mifune

 

Toshirō Mifune hat auf der Leinwand unzählige Samurai verkörpert, aber auch daimyō (japanische Feudalherren, Fürsten) und mit Susanoo sogar einen gottgleichen kami. Er ist im wahrsten Wortsinn ein fürstlicher Samurai-Verkörperer. Nicht nur Usagi, auch Gen verdankt Mifune, dem Schauspieler, viel. Kein Wunder also, dass Stan Sakai Usagis Ideal eines Fürsten „Mifune“ getauft hat.

 

Usagi hat drei „Väter“. Er wird zumindest, im Sinne des Heldenreise-Konzepts, von drei Figuren „auf den Weg geschickt“: Sein leiblicher Vater sendet ihn aus, ein Samurai zu werden, Katsuichi-sensei erzieht ihn zu einer tugendhaften Lebensführung, doch es ist Fürst Mifune, der Usagi mit seinen Schwertern eine Seele verleiht und mit seinem mon eine Mission. Dafür, dass Usagi beides in Ehren hält, kehrt Mifune, ob nun als Geist oder als Erinnerung, immer wieder zurück, um seinem Dienstmann in der Not beizustehen.

 

Fürst Mifune ist ein Tiger. Der Tiger ist in den fernöstlichen Kulturen das, was der Löwe in den westlichen Tierreichen ist: der König der Tiere. Allerdings ist er ein weltlicher, erdgebundener Herrscher. Sein geistiges, „unfassbares“ Gegenstück ist der Drache, der Herr der Lüfte und des Wassers. In China ist der Drache das Symboltier des Kaisers, des „Sohns des Himmels“, während der Tiger das Symboltier des obersten Generals ist. Dem Tiger werden „Furchtlosigkeit“ und „Zorn“ als Eigenschaften zugeschrieben – und diese beiden Charakterzüge hat Stan Sakai auch seinem Fürsten Mifune verliehen. Übrigens: Tiger sind in Japan nicht heimisch.

 

Fürst Noriyuki, der Herr der Geishu

 

Auch Pandabären leben ausschließlich in China. Sie sind aber vom Aussterben bedroht und benötigen Schutz und Hilfe, um nicht aus ihren Habitaten vertrieben zu werden – wie Fürst Noriyuki, der ständig gefährdete, jugendliche Herr der Geishu.

 

Apropos „Gefährdung“: „Geishu“ ist ein alter Name des Westteils derjenigen Provinz, die heute „Hiroshima“ heißt.

 

Auch Noriyuki ist in gewisser Weise ein idealer Fürst, allerdings herrscht er auf eine Weise, die dem Wesen Mifunes diametral entgegengesetzt ist. Wo dieser auf seine Machtvollkommenheit und sein kriegerisches Talent bauen konnte, wägt Noriyuki ab und umgibt sich mit Ratgebern und fähigen Dienstmännern – darunter eine sehr fähige Dienstfrau.

 

Tomoe Ame

 

Diese Dienstfrau ist Tomoe Ame. Tomoe Ame ist eine in jeder Hinsicht vorbildliche Samurai, sie ist eine Katze und sie ist süß. Dies findet nicht nur Usagi, wann immer er ihr begegnet, sondern offenbar auch Stan Sakai, der ihr den Namen seines bevorzugten Zuckerzeugs verpasst hat. (Die Kaubonbons der Marke „Tomoe Ame“ haben Pampelmusengeschmack und sind vor allem auf Hawaii sehr beliebt, dem US-Bundesstaat, in dem Stan Sakai seine Kindheit und Jugend verbracht hat.)

 

Der Namensbestandteil „Tomoe“ verweist außerdem auf die berühmte Kriegerin („onna-bugeisha“) Tomoe Gozen (1157-1247; wörtlich „Dame Tomoe“), die im Heike Monogatari während des Genpei-Krieges als Leibwächterin des Fürsten Minamoto no Yoshinaka auftritt.

 

Herr Hebi, Ratgeber des Fürsten Hikiji

 

„Hebi“ bedeutet „Schlange“ – und eine solche ist der wichtigste Ratgeber und Vasall des Fürsten Hikiji denn auch (aber nicht irgendeine Schlange, sondern ein gigantisches, überlebensgroßes Exemplar).

 

Sollte sich jemand gefragt haben, wohin es die Schlange aus der Schöpfungsgeschichte des Alten Testaments verschlagen haben könnte … nun, vielleicht ja in das feudale Japan zur Zeit Usagis und seiner Weggefährten. Wie der Verführer aus dem Garten Eden ist auch Hebi unentwegt dabei, Intrigen zu spinnen sowie andere Fürsten (und oft auch eigene Untergebene) ins Verderben zu stürzen. Nur einem ist er stets loyal ergeben: seinem Herrn, dem Schattenfürsten.

 

Fürst Hikiji, der „Schattenfürst“

 

Hikiji ist nicht nur der große Antagonist in Usagi Yojimbo, der hinter allem Übel steckt (oder der zumindest als Drahtzieher allen Übels vermutet wird), er ist auch eine Anomalie. Denn der stets die universelle Macht anstrebende Hikiji ist von Stan Sakai einmal (ein einziges Mal) als Mensch gezeichnet worden. Auch wenn sein Schöpfer diesen „Ausfall“ später bereut hat, so ist die Idee, dem personifizierten Bösen in einer Tierwelt die Menschengestalt zuzuweisen, doch schlicht grandios.

 

Hikijis mon ist die schwarze Sonne – deswegen seine Beinamen „dunkler Herr“ und „Schattenfürst“. Als andauernde Triebkraft der Handlung ist Hikiji aber auch der „Schatten“ des Autors im Geschehen. Dazu passt, dass die Mündungen des Hikiji und des Sakai, zweier Flüsse, die sich südwestlich von Yokohama in die Bucht von Sagami ergießen, eng nebeneinander liegen (sie sind nur 1600 Meter voneinander entfernt). Auf Landkarten der Edo-Zeit vereinigen sich die beiden Wasserläufe und haben eine gemeinsame Mündung.

 

Murakami Gennosuke, genannt „Gen“

 

Gen verweist noch einmal auf Toshirō Mifune – und diesmal auch auf den Regisseur der bedeutendsten Filme, in denen der Ausnahmeschauspieler mitgewirkt hat, auf Akira Kurosawa (1910-1998). In dessen Filmen Yojimbo (Toho, 1961) und Sanjuro (Toho, 1962) spielt Mifune einen cleveren und sehr geschickten Ronin, der gleichzeitig das genaue Gegenteil eines wohlerzogenen, kultivierten und ehrenhaften Samurai zu sein scheint. Dieser „Held ohne Namen“, der sich mal, jeweils einer spontanen Eingebung folgend, „Kuwabatake Sanjuro“ nennt, mal „Tsubaki Sanjuro“ (ersteres wäre ein „dreißig Jahre altes Maulbeerbaumfeld“, letzteres eine „dreißig Jahre alte Kamelie“), ist das offensichtliche „Rollenmodell“ für Stan Sakais zynisches und eigenbrötlerisches Kopfgeldjägernashorn.

 

Nashörner sind Panzertiere. Und genau wie diese versucht Gen, sein Inneres durch undurchdringliche Schutzschilde gegen Einsichtnahme von außen zu sichern – allerdings nur mit mäßigem Erfolg. In der rauen Schale steckt ein allzu weicher Kern.

 

Den Namensbestandteil „Gennosuke“ hat Gen mit einer zentralen Figur der von Fūtarō Yamada (1922-2001) geschriebenen Romanreihe Kōga Ninpōchō (1958-2001) gemein, die auch in der Manga-Adaption des Stoffes, Basilisk, vorkommt. „Murakami“ kann dagegen „hochstehendes Dorf“ oder „Dorfvorsteher“ bedeuten. Beide Namensteile sind in Japan nicht gerade selten und kommen in zahlreichen Schreib- und Bedeutungsvarianten vor. Japans derzeit bekanntester Schriftsteller ist ein Murakami, der derzeit wichtigste Bildende Künstler ebenfalls und ein tennō aus dem 10. Jahrhundert hieß auch Murakami. All das eröffnet ein weites Feld für Assoziationen, das Stan Sakai in Usagi Yojimbo im Laufe der Zeit fleißig abschreitet: Gen scheint eine Art „Jedermann“ zu sein, steckt aber voller Überraschungen.

 

Apropos „Jedermann“ …

 

Männe und Frau Holzsammler

 

Egal, wo Usagi auch immer hinwandert … das „affige“ Holzsammlerehepaar ist schon da. Die beiden sind mal komische Sidekicks, mal wichtige Helferfiguren, aber nie bekommen sie mit, in welch’ großes Welttheater sie gerade hineingeraten sind. Sie repräsentieren als „Herr und Frau Jedermann“ den einfachen, hart arbeitenden Teil der Bevölkerung.

 

Bemerkenswert an den beiden ist lediglich, dass sie sich, wenn sie wie die Stehaufmännchen das nächste Mal wieder in der Handlung auftauchen, garantiert nicht mehr daran erinnern können, was sie beim letzten Mal mit Usagi erlebt haben.

 

 

[Wird fortgesetzt …]